Was ist Religion?

Monet

Religionen sind Brücken für den Verstand. Sie geben dem religiösen Menschen einen Glauben, ein Vertrauen in das Leben. Vertrauen ist eine Brücke.

Ohne den engen Kontakt zu seiner Seele scheut der Mensch den Fluss des Lebens. Mit „Leben“ meinen wir allerdings nicht den Gegensatz zum Begriff „Tod“, sondern die ewige Wandlung im Werden und Vergehen. Leben ist alles, schließt den Tod mit ein. Ein Wort von Goethe über die Natur ist sehr bekannt: „Ihr Schauspiel ist immer neu, weil sie immer neue Zuschauer schafft. Leben ist ihre schönste Erfindung und der Tod ist ihr Kunstgriff, viel Leben zu haben.

Religiöse Menschen, wie die Äbtissin in Thornton Wilders Novelle The Bridge of San Luis Rey meinen oft, es gäbe ein Jenseits, ein „Reich des Todes“: „There is a land of the living and a land of the dead and the bridge is love, the only survival, the only meaning.“
Es gibt ein Land der Lebenden und ein Land der Toten und die Brücke ist die Liebe, das einzige Überleben, der einzige Sinn.

Die Brücke ist ein altes Symbol dieser Geisteshaltung und wurde ursprünglich schon im römischen Titel des Pontifex Maximus (oberster Brückenbauer) verwendet, mit welchem der erste Wächter des altrömischen Götterkults bezeichnet wurde. Dieser Titel sollte später auch auf die römischen Kaiser übertragen und schließlich vom Papst (Bischof von Rom) übernommen werden.

In dieser Vorstellung eines Diesseits und Jenseits sind Brücken wichtig. Und jeder Gottesbegriff, sei er noch so abstrakt, ist nur eine Brücke. Es obliegt einem „Pontifex“, dies zu erhalten und dessen Konstrukte und Vorgaben müssen von einer Gemeinde geteilt und beachtet werden. Ein hierarchisches System, ein Kollektivsystem.

Dies sehen wir auch dem Begriff „Religion“ noch an. Er stammt natürlich wiederum aus dem Lateinischen und zwar zum einen aus „relegere“ (sammeln, beachten, bedenken) und dann aus „religare“ (wieder anbinden, festhalten, festmachen). Diese Bedeutungsfelder erklären, was Religion ist: Die Bindung an einen Glauben. Wer es ernst damit meint, folgt seinen Geboten nach bestem Wissen und Gewissen so genau, wie es ihm möglich ist. Ein Abweichen von diesen ist auch ein Abweichen aus der Gemeinschaft, worin schon die Anlage zu einem pyramidalen Konstrukt (Machtausübung) liegt. 

Wer seine Seele spürt, der kann im Fluss des Lebens schwimmen, ohne Angst unterzugehen oder zu „sterben“. Er ist ungeteilt vom Leben, von der Allganzheit, er kann aus keinem Zusammenhang fallen – ist das nicht ein Gefühl von Unsterblichkeit?
Es sterben immer nur die Illusionen. 

Der voll beseelte Mensch lebt schon jenseits seiner Illusionen und er spürt die Verbundenheit aller Wesen. Er schwimmt, er bewegt sich mit dem Wasser. Er hat Brücken nicht mehr nötig.
Denn auch die besten Brücken halten nicht ewig.

Bild: Claude Monet, Wasserlilien, 1899
(ähnlich: Die Japanische Brücke, ebenfalls 1899)

Zusatz / Nachsatz: Was macht unsere Erstpublikation Der Mensch Jesus und der ungläubige Christ so wertvoll für die Ideen der Isotopen Philosophie? Es ist das Erkennen der „Brücken-Konstrukte“ in den Testamenten und die Befreiung daraus, die Jesus eigentlich anbieten wollte – Jesus nimmt den ersten Schritt in eine „post-pyramidale Weltordnung“! Hierzu gibt das Buch schon die entscheidenden Hinweise und ermöglicht die Suche nach einer individuellen Perspektive.