Ein neues Geld könnte…

Der Isotope Philosoph betritt neue Dimensionen:
Heute geht’s ins Time Ship Earth!

Zum dritten Mal ist nun der Kunstpreis Time Ship Earth gestartet, um die besten Ideen und künstlerischen Ausarbeitungen zur Erneuerung eines Operating Manual für das Raumschiff Erde zu suchen. Da der Verleger wieder die Ehre hatte, in der Jury mitzufliegen, werfen wir heute einen neugierigen Blick auf die aktuellen Einreichungen und blicken mit ebenso großem Interesse zurück auf die prämierten Arbeiten des Jahrgangs 2024.

Die Idee zu einer solchen Bedienungsanleitung für das menschliche Leben auf der Erde (Operating Manual for Space Ship Earth) geht auf den Erfinder und Philosophen R. Buckminster Fuller zurück – für eine Vertiefung in dessen Arbeiten sei diese umfangreiche Seite sehr empfohlen.

Der ArtPrize Time Ship Earth wurde vom Bildhauer und Grafiker Georg Mann seit 2022 alle zwei Jahre gestartet. Besonderes Augenmerk soll auf das Kapitel Geld gelegt werden, da es die menschlichen Arbeitsprozesse als Schmiermittel begleitet. Das Schmiermittel also tauglich für eine gute und sichere Reise auf diesem Raum-Zeit-Schiff Erde zu halten, darum geht es.

Wie könnte ein neues Geld / Schmiermittel aussehen?

Es stimmt hoffnungsvoll, in einer Zeit zu leben, in der wie nie zuvor über Geld und das Finanzsystem nachgedacht wird.
Vom Bitcoin bis zu den Regionalwährungen gibt es diverse Möglichkeiten, ein für sich stimmiges Geldkonzept zu entdecken.
Jedes Nachdenken über Geldvarianten öffnet eine neue Tür in einen eigenen Erfahrungsraum. Die Vor- und Nachteile jedes Konzepts bestimmen über die Art und Weise des Zusammenlebens – sie setzen die Vorzeichen der Gesellschaftsordnung.

Hier in Europa, in einem Leben nahe der Pyramiden-Spitze, fällt es nicht so leicht, sich über die Nachteile unseres Systems klar zu werden. Man muss schon sehr kritisch und genau hinsehen, um die Kehrseiten an der Basis wahrzunehmen. Doch Bequemlichkeit entbindet nicht von der Verantwortung für das Ganze.

Sicher hat der Kapitalismus viele Menschen aus der Armut geholt – durch den Leistungsimpuls, durch die Forderung nach Wachstum, durch Förderung von Kreativität und Eigenverantwortung. Doch können die negativen ökonomischen Veränderungen in der westlichen Welt auch als Abschwung in einer Art von global gedachter Drei-Felder-Wirtschaft verstanden werden. Dort wo Regionen zu wohlhabend werden, sinken Chancen und Renditen und der Kapitalzirkus muss weiterziehen…

Um eine Idee zu einem neuen Geld entwickeln zu können, müsste zunächst das alte Geld besser verstanden werden.

Ein Paradoxon dabei ist, dass Geld knapp sein muss, wenn Wohlstand und Überfluss entstehen sollen – dann wiederum muss es flüssig und reichlich genug vorhanden sein, um alle Arbeitsprozesse zu erreichen. Aber die Kehrseite wiederum, und damit das Kernproblem, ist auch, dass es sich immer dort zu verklumpen droht, wo schon genug davon da ist. Kann Geld jemals genug sein?

Ist es vielleicht eines der Hauptprobleme, dass Geld von Zentralbanken aus dem Nichts geschaffen werden kann (sog. Fiat-Währung, aus dem lat. Wort fieri, „es geschehe“, oder als Passiv von lat. facere, „gemacht werden“). Dieses Geld geht natürlich nicht als Nichts oder als Geschenk in den Wirtschaftskreislauf, sondern tritt dort als Guthaben-und-Schuldenpaar auf, als Kredit (lat. credere, „glauben“). Zudem bekommt es noch einen Zins zur Seite gestellt, wodurch der Wachstumszwang etabliert wird: Es muss in Folge noch mehr Geld im System für die Zahlung des Zinses geschaffen werden (der sog. Profit, lat. proficere, „vorwärtskommen, gewinnen“), denn man will ja mehr zurück bekommen, als man ehedem ausgeliehen hat.
Hier sehen wir also schon den Automatismus zu Profitstreben und Wettbewerb.

Ein besonderer Wettbewerb soll es aber noch sein, bis wir ein Geld nutzen, das wieder mehr Kooperation und Ausgleich bietet!
Da sich die Ökonomen schon Jahrzehnte den Kopf zerbrochen haben, sollen nun also Künstler Hand anlegen! Der Ideen-Wettbewerb Time Ship Earth hat von Jahr zu Jahr mehr Beteiligung erfahren, nun sollen hier einige Arbeiten näher gewürdigt werden.

Die Gewinner in 2024

Im Kopf blieb vor allem die surreale PoesiePredichtung – Mutter des Geldes„, die unter dem Pseudonym S.Portmann eingereicht wurde. Der Text blickt wie durch ein Kaleidoskop auf Geld und Beziehung und die prägnante Sprache kann den Hörer in eine anregende Rätsel-Reise entführen. Hier unten zu hören (mp3-Stream, 20 Minuten, 3.2 MB):

Auch – und vor allem wegweisend – stellte Gustav Kollmeier sein 3D-Geld (PDF, 1.6 MB) vor, ein sehr effektiv erdachter Mechanismus, das Prinzip der Subsidiarität im Geldsystem für die lokale Ebene zu fördern, kombiniert mit einer freiwirtschaftlichen Umlaufsicherung.

Erwähnt sei an dieser Stelle auch noch die Idee des pfiffigen Waffelgeldes, das Raphael Wutz ins Rennen schickte (PDF, 400 kB). Das Mining (also das Schürfen oder Schöpfen der Geldeinheiten) erfolgt hier umweltfreundlich auf der Suche nach Plastikabfall, dieser wird dann in teilbare Waffelstücke geschmolzen. Eine nette analoge Analogie zum digitalen Bitcoin…

Die Gewinner von 2026

Eine der interessanten Arbeiten in diesem Jahr war die von Jiyoon Park (Düsseldorfer Kunstakademie). In Embodied Congestion (PDF, 300 kB) beschreibt sie eine Installation, welche die Auswüchse des Kapitalismus mit Enge und Überforderung körperlich spürbar machen soll. Was zunächst als angenehme und stabile Umgebung erscheint, verwandelt sich allmählich in eine Struktur aus Druck und Reibung, wodurch den Besuchern ein Gefühl für unsere Zuvielisation am eigenen Körper bewusst gemacht werden kann. Die eigene Erfahrung von beengendem Überfluss steht hier also noch vor allen neuen Ideen zur Anpassung eines Manuals, denn somit entstehen erst die Fragen, ob wir auf dem richtigen Weg seien und welche Auswege bzw. Türen gesucht werden könnten. Gefühlt ist hier besser als Gedacht, in einer Welt in der so viel mit Sprache kodiert und „gepromtet“ wird.

Ebenso unter die Nominierungen kam die Arbeit von Kane Tank, Student an der HFBK Hamburg. Auch wenn die Arbeit schon im letzten Jahr veröffentlicht wurde, kann er doch in diesem neuen Bezug mit seiner innovativen Umsetzung eines Bargeldautomaten namens n+1ATM, (PDF, 400 kB) punkten, aus dem KI-generierte Scheine gedruckt kommen, die Dynamiken von Innovation, Preisfindung und Spekulation erfahrbar machen.

Anemone Wolf hat ferner mit dem Thema Zeitwertkonto (PDF, 240 kB) eine klassische Idee aufgegriffen, die natürlich gerade für zwischenmenschliche Unterstützung (sog. Care Arbeit) hilfreich ist. So etwas kennt man ja schon länger aus Japan, zumindest gibt es hier in diesem Buch (Plettenbacher, Neues Geld – Neue Welt) ein interessantes Kapitel dazu.

An den 🥇ersten Platz schaffte es in diesem Jahr die Einreichung von Reza Bahadori Khalili, der zunächst einmal sehr charmant mit einem Hinweis auf Frank Zappa die Deadline des Wettbewerbs überschritt (die Letzten werden die Ersten sein?). Denn was ist schon ein wenig mehr Zeit, wenn das Bewusstsein für die Aufgabe stimmt! Es gab doch eine Menge anderer Künstler, die ihre Beiträge rasch eingereicht hatten, aber nur aus ihrem eigenen laufenden Programm – ohne Respekt für die Ausschreibungsidee selbst.
Khalili beginnt seine Ausführungen (PDF, 4 MB) recht poetisch, um dann sehr konzentriert (so komplex wie es angedeutet wird, ggf. auch mit Hilfe einer KI-Recherche) gewisse Grundzüge der ökonomischen Theorie abzuarbeiten, wobei er auch Fuller, Kollmeier (s.o.) rezipiert und zuletzt Bezüge zum von diesem Verlag intensiv bearbeiteten 📖 Frederick Soddy herstellt! Der Impuls ein Nachfüllventil einzubauen, gespeist aus dem Geld, das der Entropie unterliegend abgezogen werden musste, greift die Ideen von Soddy und Silvio Gesell auf.

Eine weitere Arbeit sei abschließend noch genannt, die von Jazon Frings: In seiner ZeConomy (PDF, 313 kB) werden die Geldscheine qualitativ, nicht quantitativ, in den Wert gesetzt. Einer rein numerischen Kumulation ist somit schon ein Riegel vorgeschoben und das Geld bekommt eine menschlich-ästhetische Seite. Auf den Weg gebracht wurde diese umfangreiche Arbeit zwar schon 2007, konnte aber durch aktuelle Bezüge und die schöne Ausarbeitung noch unter die prämierten Arbeiten aufgenommen werden.

Neue Türen neue Wege

Jede Handlung ist eine Tür, die uns in die Welt führt. Ob wir dadurch in eine uns gemäße Welt kommen, ist dabei nicht immer von Beginn an klar. So ist auch jeder Bezahlvorgang über ein Geldsystem eine Bestätigung einer gewissen Ideologie, über die andere Menschen mit einem verbunden sind. Auf diesen Prozess haben wir keinen Einfluss, solange es nur ein Geldsystem gibt.

Warum sollte auch ein Geldsystem alle Aufgaben leisten müssen und unendlich von lokal nach global skaliert werden können. Es verbindet doch bestenfalls nur die Arbeit des einen mit dem Bedürfnis des anderen. Kann es denn für alle Arbeiten, sei es in einem zwischenmenschlichen bis hin zum industriellen Maßstab tauglich sein?

Und öffnet sich genau hier nicht wieder eine weitere Tür (aus Sicht des Isotopen Philosophen)?

Hinter ihr wartet kein fertiges Geldsystem und auch keine perfekte Welt. Vielleicht nur eine andere Art, auf die Dinge zu schauen. Eine Welt, in der Wert nicht erst dadurch entsteht, dass er sich zählen lässt, und Vertrauen nicht erst durch eine Maschine bewiesen werden muss. Dann wäre Konkurrenz wieder das, was in ihrem alten Wort steckt: ein Zusammenkommen (lat. con currere, für „zusammen laufen“) – damit die Teilnehmer eines gerechten, logischen und natürlichen Geldes (was alles einander mitbedingt) gerne zusammen kommen, um sich gegenseitig Umsätze zu bescheren. Geld als neutraler Maßstab, als Schmiermittel einer arbeitsteiligen Schöpfung von Werten und Wohlstand. Die Konkurrenz (im alten Sinne) bleibt natürlich bestehen, weil jeder Bäcker in seinem Meisterstolz bestrebt ist, die besseren Brötchen zu backen.

Vielleicht gab es ja die Lösung des Geldproblems schon lägst – aber …

… das Raumschiff Erde fliegt ohnehin weiter.

Die Frage ist dann weniger, welche Gelder wir an Bord nutzen, als vielmehr welches Bewusstsein wir bei der Verwendung ausdrücken wollen. Und während draußen die Sterne vorbeiziehen, könnten wir entdecken, dass die wichtigste Ressource dieses Schiffes niemals auf einem Konto gelegen hat.

Sie sitzt neben uns.

Hinweis zum Titelbild:

Die Grafikfunktion von ChatGPT hat aus einer rohen Collage einen schönen, einheitlichen Comic-Buch-Stil generiert, Vor- und Nachbearbeitung durch den Autor.
Diese Funktionen der KI sind hübsch und bequem, tragen aber eine Kette von Nachwirkungen mit sich, die auch in finanzieller Hinsicht bedenkenswert scheinen:
 https://multipolar-magazin.de/artikel/ki-rechenzentren