Oh, Kassandra!

Oh, Kassandra! Oh, Laokoon!, D’oh, Homer!
Das sieht nicht gut aus…

Ist alles was entsteht
Dem Leben nur wert, dass es zugrunde geht? (fragt sich KLEE)

Werfen wir einmal einen Blick auf die Sorte Unglück, die Kassandra schon unglücklich machte. Ob in der Antike oder in der Moderne, zu allen Zeiten waren schlechte Nachrichten und Visionen derartig unbeliebt, dass man lieber den Boten tötete, als sich Gedanken um die Botschaft zu machen.

Und die Botschaften werden nicht gerade besser… Denn je kleiner die trojanischen Pferde wurden, umso größer wurde das, was man als „Teilwahrheit“ bezeichnen kann. Diese muss beständig ins Bewusstsein gebracht werden, um sie wirkmächtig zu halten. Und doch bleibt nur die ganze Wahrheit die volle Wahrheit. Alles andere verkommt zur L…, dem Wort mit dem L und den kurzen Beinen.

Werden diese Teilwahrheiten so groß wie Berge, benötigt man schon viel Mühe, sich hierüber zu erheben und den fehlenden Part zu suchen. Da man dies den meisten Menschen nicht abverlangen kann, muss folgerichtig – aus eigennützigem Interesse – der Isotope Philosoph von öffentlich geäußerter Vorausschau die Finger lassen.

Wie wir auf diesen Seiten zeigen, kreisen die Begriffe der Isotopen Philosophie daher weniger um Prophezeiungen, sondern um Vorgänge wie Kontemplation und Analyse. Wenn die Analyse zeigt, dass unzulängliche Strukturen nicht mehr tragfähig sind, dann ist es also nur natürlich und gut, dass diese erneuert werden, so schmerzhaft dies auch sein mag. So don’t worry, Cassandra!

Die einfachste Analyse ist im Bild oben zu sehen: Kontemplation und Spiel finden am Rande statt, die Breite des Spielbrettes (es bleibt ein Spiel!) ist gegeben zum Erfahren eines unendlichen Leidensweges in Zeit und Raum. Dieses Feld wird gespeist durch die Spannung entgegengesetzter Prinzipien, mit welchen beständig versucht wird, Ordnung in das Chaos zu bringen. In dieser Ordnung liegt Schönheit: Eine universelle Beziehung zueinander, die im Begriff Kosmos vereint wird.

Wir stellen also den ersten Fehler fest, den die unglücklichen Seher begehen: Sie haben Scheuklappen auf und sind kurzsichtig. Damit nehmen sie das größere und langfristige Bild nicht wahr, sind zu sehr fixiert auf das Momentum des Vergänglichen. Dessen Schwung überwältigt sie. Dass es Umstände gibt, die besser heute als morgen transformiert werden müssten, erkennen sie noch nicht; zu schmerzvoll ist der Verlust des Gewohnten. Immerhin erkennen sie die Transformation besser, als die Masse der Menschen, die lediglich dem gesamten Prozess ihre Energie leihen, ohne dies zu reflektieren oder gar zu analysieren.

Das Kassandra-Syndrom beschreibt eine psychologische Tendenz der Masse, schlechte Nachrichten abzulehnen und bringt damit den Boten in das Dilemma, das (teilweise) erkannte Problem nicht lösen zu können. Das ist im Prinzip auch nur richtig, denn einfach ein „worst case scenario“ zu beschreiben, ist A) noch keine Kunst und B) widerspricht es der Freiheit der Menschen, ihre Lebenserfahrung selbst zu gestalten (nicht, dass dies bereits der Anspruch der meisten Menschen wäre…).

Wir müssen also das Kassandra-Syndrom letztlich auch als durchaus gesund im Sinne einer „No Fate!“ – Haltung würdigen. Der Mensch widersetzt sich Prognosen, fordert die Freiheit ein, sein Schicksal allein zu gestalten. Auch Ratschläge sind Schläge, diese Schläge sollten vom Schicksal kommen, nicht vom Mitmenschen.

In unserer Informationsgesellschaft ist prinzipiell jeder Mensch in der Lage, sich das nötige Wissen selbst zu erarbeiten, um aus jedem Problem eine Herausforderung zu machen, sobald dieses ausreichend analysiert ist. Nicht zu wissen, das bedeutet heute quasi, nicht wissen zu wollen. Also eine eigene, zu respektierende Entscheidung!

Warum passiert dieses „wissen wollen“ so selten? Wohl in den meisten Fällen durch eine Kombination von Konditionierung und Furcht (an anderer Stelle auf diesen Seiten vertieft…). Beide Hindernisse können überwunden werden, indem wir uns darüber klar werden, dass die meisten zivilisatorischen Entwicklungen auf gedanklichen Konzepten beruhen. Diese können humoristisch überzeichnet werden, sodass die elephantastisch aufgeblähte Mücke wieder als solche erkennbar wird. Damit ist die Lösung des Problems nur eine Handbreit entfernt. Wird diese noch durch die Komik verstärkt, ist Mut zur Tat nicht mehr weit: „Hoffentlich wird es nicht so schlimm, wie es schon ist!“ (Karl Valentin)

Die beste Weise die Zukunft vorauszusehen, ist, sie selbst zu gestalten. In einer Zeit, in der infantile und materialistische Vorstellungen die Gedanken beherrschen, ist dies nicht gerade leicht. Aber es gibt sie überall, die „Anderen“: „Find the others!“ (Timothy Leary)

Dies ist also der zweite Fehler, der von den unglücklichen Sehern begangen wird: Sie bleiben außerhalb der Gesellschaft. Zugegeben: Nur wer außen steht, kann Einsicht haben. Wandeln muss sich diese Position konsequent in eine Aussicht auf eine gute Zukunft. Der Blick geht von den Schattenspielen in Richtung der Quelle des Lichts.

„You never change things by fighting the existing reality. To change something, build a new model that makes the existing model obsolete.“ (Buckminster Fuller)

Eine positive Vision gibt nicht nur Kraft, gibt den Menschen nicht nur die Neugier, sich das nötige Wissen zu erarbeiten; sie öffnet auch die Möglichkeit für den Seher, der nun zum 🥚 Auguren wird, sich einzubringen, eröffnet einen freieren Weg – viel freier, als nur einen Ausweg aus einer bedrohlichen Prophezeiung zu finden.

Das Spiel geht weiter, niemals ist eine Lage völlig hoffnungslos. Die Hoffnung stirbt zuletzt. Unsterblich zu sein, bedeutet, den Beobachter nicht aus den Augen zu lassen. Denn es sind immer nur die Illusionen, die sterben.

😜

 

♠  Anmerkung: Wer die Wahrheit spricht, braucht ein schnelles Pferd. Oder, um diese Aussage über die Effekte der Massenpsychologie zu untermauern, mit zwei Zitaten von Gustave Le Bon (1841-1931) gesprochen:

„Nie haben die Massen nach Wahrheit gedürstet. Von den Tatsachen, die ihnen mißfallen, wenden sie sich ab und ziehen es vor, den Irrtum zu vergöttern, wenn er sie zu verführen vermag. Wer sie zu täuschen versteht, wird leicht ihr Herr, wer sie aufzuklären sucht, stets ihr Opfer.“

„Die Menge wird sich immer denen zuwenden, die ihr von absoluten Wahrheiten erzählen, und wird die anderen verachten.“